Liebe Gemeinde,

Prag im Jahre 1618. Der sog. Fenstersturz im Mai 1618 gilt in der Geschichtsschreibung als Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Am Ende des Krieges ist die Bevölkerung um die Hälfte geschrumpft, Orte liegen wüst und leer da. Noch heute klingen die Schrecken des Krieges in Ortsnamen nach: „Wüstenbrand“ Dichter wir Andreas Gryphius, Paul Fleming und vor allem Paul Gerhardt verarbeiten in ihren Liedern und Gedichten „Schrecken und Feuerstod“.

Nach den Anfangsstürmen der Reformation hatten sich 1555 die Fürsten bestimmter Gebiete auf dem Reichstag in Augsburg (Augsburger Religionsfrieden) geeinigt, welche Konfession in einem Herrschaftsgebiet vorrangig gelten sollte. (Dieses Ordnungssystem der Beruhigung nach einem verheerenden Krieg währte de facto bis 1918.) Ziel: ständig neue Vertreibungen der jeweils anderen Konfession zu befrieden, denn das handwerkliche und öffentliche Leben war dadurch teilweise ganz zum Erliegen gekommen. „cuius regio, eius religio. „Wessen Gebiet, dessen Religion.“ Anders: Die Obrigkeit bestimmt die Konfession. Das war damals ein deutlicher Friedensdienst! Tendenzen der Rückwärtsentwicklung und gar Verbot protestantischer Glaubensausübung (Gegenreformation) hatten seitens der Katholischen Habsburger in Böhmen versucht, gegenreformatorischen Einfluss zu nehmen. Deshalb das Krisentreffen in Prag.

Ein weiterer Gedanke ergibt sich daraus für heute. Aus atheistischem Blickwinkel wird oft reflexartig behauptet „an all dieser weltweiten Gewalt ist die Religion schuld“ Das ist schlicht nicht wahr. Gewalt ist leider abgründig und allgemein menschlich, aber nicht nur religiös. Solche Behauptungen haben die Qualität von Volksverhetzung. Die Blutspur des Atheismus/Stalinismus, besonders im 21. Jahrhundert, oder die leider ständig wachsende Zahl häuslicher Gewalt, Gewalt in den Fußball- Stadien etc. sprechen eine andere Sprache; die Liste ist unendlich lang. Die Opfer atheistisch motivierter Gewalt im 21. Jh. gehen in die Millionen, nicht allein in der ehemaligen SU. Wir wollen nichts gegeneinander verrechnen, aber Christen müssen sich nicht als Sündenböcke stempeln lassen. Richtig bleibt die unbedingte Verantwortung für den Frieden in allen Bereichen. An der Friedens- Botschaft Jesu besteht nicht allein aus der Bergpredigt keinerlei Zweifel. Gewalt beginnt derzeit vor allem in einer verrohten Sprache, in herabwürdigender Rede, bevor sie zu physischen Gewalt mit Fäusten oder Waffen wird. Diese Verantwortung für den Frieden beginnt gewiss im Herzen, darf aber dort nicht bleiben, wenn wir nur noch schwiegen. Unfrieden beginnt, wenn uns zur Durchsetzung angeblich guter Ziele so manche Mittel recht sind, sie zu erlangen. Der Zweck aber heiligt niemals die Mittel. Das gilt für Christen, Juden und Muslime! Gewalt und Wahrheit sind unvereinbar. Was muss das für ein Glaube sein, der die anderen als „Ungläubige“ beschimpfen will um dadurch verbale und physische Gewalt zu rechtfertigen? Für Christen kommt so etwas nicht in Frage.

In herzlicher Verbundenheit Euer Pfarrer Jörg Coburger