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15. Sonntag nach Trinitatis 9.9.2018
Pfr. J. Coburger über Galater 5,25-6,2


Alternativ leben!


Heute ist das ein vielgebrauchter Slogan. Das hat gute Gründe; nicht allein in vielen Lebensmittelskandalen, im nötigen Energiewandel oder die Art, wo in der Welt unsere Kleidung hergestellt wird. Die Beispiele für alternatives Leben nehmen kein Ende und stammen nicht erst aus dem 20. Jahrhundert. Das Buch des sächs. Oberbergmeisters Hanns Carl von Carlowitz „sylvicultura oeconomica“ ist immerhin schon von 1713 und spricht zum ersten Mal von Nachhaltigkeit. Der Raubbau durch das Silbererz hatte diese Notbremse nötig gemacht.

Auch Paulus stellt uns als ganze Christenheit vor eine Alternative. Dabei tauchen zwei Begriffe auf, die gegenüber gestellt werden, was ja eine Alternative ausmacht. „Fleisch“ und „Geist“ Hören wir also zunächst zu:

5,13 „Ihr seid zur Freiheit berufen. Allerdings: Sorgt dafür, dass die Freiheit nicht zur bloßen Selbstsucht wird, sondern dienst einander in Liebe…  19) Welches die Werke der Selbstsucht sind, ist ja offenkundig, nämlich: Unzucht, unsaubere Dinge, Zuchtlosigkeit, 20) Götzendienst, Zauberei, Feindschaft und Hass, Verdrehungen, Eifersucht, Wutausbrüche, Intrigen, Zänkerei, Parteiungen, 21) Neid, Trunkenheit, Gelage und dergleichen mehr. Ich warne euch, wer derlei Dinge tut, wird das Reich Gottes nicht erben. 22) Dagegen ist die Frucht des Geistes Liebe, Freude, Friede, Langmut, Güte, Rechtschaffenheit, Treue 23) Freundlichkeit, Selbstdisziplin. Derlei Dinge haben das Gesetz nicht gegen sich…  25) Wie wir im Geist leben, so wollen uns auch nach dem Geist richten. 26) Lasst uns nicht eitlem Ruhm nachjagen, einander nicht herausfordern, einander nicht beneiden! 6,1 Brüder, auch wenn jemand bei einem Fehltritt ertappt wird, so sollt ihr als Geistliche, die ihr seid, den Betreffenden im Geist  helfender Güte wieder zurechtbringen. Und achte auf dich selbst, dass du nicht der Versuchung erliegst! 2 Einer trage des anderen Last: So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Liebe Gemeinde, wir haben heute für das häufige Pauluswort „Fleisch, fleischlich gesinnt“ keinen treffenden Gegenbegriff. Aber wir können durch seine Erläuterungen präzise sagen, was er meint. Nicht von der reinen Vokabel her, aber vom Inhalt können wir daher mit „Selbstsucht“ übersetzen. Vielleicht sogar mit „materialistisch gesinnt“ Es meint den Mensch, auf sich allein gestellt, der Mensch in seiner bloßen alleinigen Leiblichkeit, wie er Hunger, Krankheit, und Tod ausgesetzt ist. Umgeben von tausend Gefahren, getrieben von tausend Sorgen, genötigt von vielen Begierden. Dabei ist immer der Mensch als ganzer gemeint. Es gibt zwar das ICH im Menschen, seine Seele, sein Herz, aber das nicht im Gegenüber und schon gar nicht getrennt von Leib und Seele.
Der Mensch hat keinen Leib, der Mensch ist Leib. Der Mensch hat keine Seele, er ist Seele. So ist der Mensch mit Leib und Seele „Fleisch“. Ist er das nun für sich allein, ohne im Gehorsam Gott gegenüber zu leben, sondern als rücksichtsloser Egomane, gegen seine Mitmenschen, die Hölle sind ihm stets die anderen. Paulus gebraucht „Fleisch“ als böse Selbstsucht, als zerstörerisch. ( Auch Römer 7,5ff; 8,2ff; 2.Kor.10,2f; Gal. 6,8; Eph. 2,3 ) Paulus zeichnet das Portrait dieser Selbstsucht.

Aus ihr sind Christen befreit! Sie sind nicht mehr Sklaven und reden auch nicht in hohlen Formeln wie „Das steckt nun mal so drin in uns Menschen“ und ähnlich beliebter Unsinn. Es herrscht ein anderer Geist. Nicht automatisch. Man muss ihn in Anspruch nehmen, wirklich werden lassen. Es herrscht ein Geist, der in der Liebe des gekreuzigten Christus Mitte, Maß und Norm hat. Er zielt darauf, Mangel und Not des Nächsten mit ihm zu tragen und so alle Schwachheit des Fleisches durch helfende Güte zu überwinden, statt sie durch Rücksichtslosigkeit, Selbstgerechtigkeit und tausend Ausreden – also Lügen – noch zu mehren. Das ist die Alternative.

Und da gibt es entgegen der üblichen Auslegung eine dicke Überraschung. „Einer trage des anderen Last“ wird, soweit ich das überschaue, fast immer rein diakonisch verstanden. Der Zusammenhang verweist uns aber auf eine ganz andere Richtung.
Nicht Diakonie ist gemeint, das kommt an vielen anderen Stellen, nicht Lasten tragen, Kranken helfen, Behinderte fördern – so wichtig das ist – sondern Seelsorge: Wenn du einen Bruder siehst, der gescheitert ist, dann hilf ihm.

Es geht tatsächlich um die schweren Lasten, die Menschen in ihrem Leben aus Angst und Sorge mit sich herumschleppen, die Trauer, gar Verzweiflung, wenn jemand scheitert. Die Anklage des eigenen Gewissens wiegt schwer. „Fleischliche“ lachen dann, sie höhnen und spotten, sie fühlen sich besser und sagen eher: „Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie jener da…“ Unsere Erwachsenenspiele sind da schier unendlich variantenreich und geradezu professionell. Dazu kommt eine probate Heuchelei, wie wir sie jetzt in den Berichterstattungen auch über die Chemnitzer Ereignisse erkennen: Man bedauert etwas und beklagt die Zustände rund um  den Nichel, aber ist doch zugleich froh, aus diesen Ereignissen Gewinn ziehen können. „Ja, das ist zwar schlimm, aber zum Glück war das nicht bei uns…“ Heuchelei spielt die Traurigkeit über Schuld nur, in Wahrheit kann man den anderen etwas schwarz machen, um dadurch – angeblich – selbst etwas weißer dazuzustehen.

Geistlich reagieren! Was ist das? Um es gleich abzugrenzen: Eine Kumpanei mit Schuld, einen allzu reflexartigen Schulterschluss: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ kommt nicht in Frage. Schuld wird nur entzaubert, wenn sie ausgesprochen, wenn sie benannt wird. Geistlich reagieren nimmt diese neue Freiheit ernst und an. Wir sind nicht einfach gleichsam magisch ausgeliefert. Nein, es sind auch nicht immer die Gene. Freiheit und Verantwortung sind nicht zu trennen. Diese Biologisierung der ethischen Argumente fällt mir auf. Wir sind nicht einfach irgendwie und diffus ohnmächtig und auch nicht zum Stillehalten verurteilt. Und zur Fernsehgläubigkeit sind wir auch nicht verdonnert. Bilder sind immer ausgewählt und Bilder können tendenziös sein und deshalb lügen.

Geistlich reagieren heißt deshalb, sich ein Fragezeichen erlauben, wo die meisten schnell in der Masse etwas nachsprechen, weil es einfach logisch und wünschenswert so erscheint. Geistliche haben ein Gefühl für bestimmte angeheizte Stimmungslagen, eine Sensibilität für Slogans der Straße. Nein, geistlich reagiert schreien Christen nicht „Lügenpresse“, weil das die Verunglimpfung einer ganzen Berufsgruppe ist. Aber das mancher Journalist auf dem religiösen oder kirchlichen Auge blind zu sein scheint, ist nicht zu übersehen. Geistlich reagieren meint, das Entlastende, das Relativierende „ABER“ nicht zu verschweigen. Das hat mit Verharmlosung von Schuld nichts zu tun.

Das achte Gebot meint nicht nur keine Lügen verbreiten, sondern Ungeprüftes auch nicht weitersagen, keine Storys kolportieren, Klischees und Vereinfachungen kommen nicht in Frage, ja, vor allem Verflachungen und Vereinfachungen über die anderen, weil sie bequem und einfach klingen. Pauls sagt zu den „fleischlich“ Argumentierenden nicht umsonst: „Ich warne euch“

Ein Mensch ist in Chemnitz ermordet worden und nur Heuchler spielen Empörung, um daraus vor allem politisch etwas zu gewinnen. „Man darf ja in Deutschland nichts sagen, ohne schief angeguckt zu werden“ Das Problem ist, dass man alles sagen darf!
Die Lüge sucht das Opfer, macht sich selbst zum Opfer, um von da aus klagen zu dürfen.
Christinnen und Christen durchschauen so etwas im Geist. Und dass angeblich immer nur die sog. „Abgehängten“ den Mobb bilden und schreien und prügeln stimmt ebenfalls nicht. „Selbstsucht“ sagte Paulus entwaffnend dazu.

Dazu gehört auch, dass geistliches Herangehen nicht einfach nur Scheitern und Schuld zum Anlass nimmt, die Schreihälse und Verführten zu verteufeln und sie nun abermals mit Schmähungen zu belegen. Das ist meine Kritik an einige, die sagen, sie seien „links“ Das ist die große Zumutung Jesu an seine Kirche. Ihnen für eine mögliche Umkehr die Tür offenzuhalten. Ein Dummkopf, der das für naiv hält.

Geistlich reagieren ist frei von jeder noch so kleinen Spur des Triumphes. Unser Zeichen bleibt das Kreuz Jesu Christi! Von dort verbietet sich jegliches Triumphgehabe über jegliche Schuld! Und Geschrei und Gebrüll, wie der Apostel sagt, gehören nicht zu einem Herzen, das sich ganz an Christus gebunden weiß. „Geistlich“ beinhaltet das Recht zu Zwischentönen. Vor allem aber, dass wir unsere Trauer und auch unseren Zorn VOR GOTT ins Gespräch bringen. Geistliche lassen sich nicht aufhetzen und sprechen Formelhaftes nur vorsichtig und bedacht, am besten aber gar nicht nach. Im Gebet bitten wir um jenen Frieden, den wir nicht in uns haben, um solche Liebe aber auch Klarheit, die entwaffnend ist. Im Gebet erfahren wir jene Kraft und bekommen neuen beflügelten Mut, nicht zu schweigen.

Civilcourage ist ein prophetisches Recht der Kirche. Wie das kleine Kind im Märchen „Des Kaiser neue Kleider“ als alle Erwachsene dem nackten Kaiser Lob schreien. Heute eher: „Merkel muss weg“ und seine kleine Stimme erhebt und sagt: „ABER“ Neue Mythen bilden sich und wir erlauben sie uns hartnäckig zu entzaubern. „Aber…“ Singen wir dazwischen, denn Lüge stellt sich selbst immer als Lüge dar. Habt keine Angst. Wir müssen keine Menschen bloßstellen. Ihre Lasten mittragen. Ja, Liebe verlangt Klarheit:
Hetze segnet Gott nicht! Dabei ist vollkommen zweitrangig, ob es nun expressis verbis eine Hetzjagd gegeben habe, oder wie unser Ministerpräsident es besser weiß, eben keine. Hetzte hat stattgefunden!  

Nachdem jahrzehntelang die sog. geistliche Waffenrüstung aus Epheser 6 mit dem Schild des Glaubens und dem Schwert des Wortes von einigen Theologen zum einem Igittigitt-Thema gemacht worden ist, wachen wir in unseren Tagen auf und merken: Wir brauchen die ganze, komplette Rüstung. Denn wir haben eben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den bösen Mächten von Gewalt, Lüge und Verdrehungen. Ohne Beleidigungen und ohne, wie es neuhochdeutsch heißt: etwas „wegzumoderieren“ und ins Schöne hinein umzudeuten. Es geschah ein Verbrechen auf offener Straße – darüber wissen wir eigenartigerweise fast gar nichts! - und die Reaktionen darauf waren zum Teil die pure Gewalt. Die Gewalt ist das Böse! Die AfD versucht – im Schulterschluss mit der Pegida - den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Damit wird sie scheitern! Nun wissen wir, wes Geistes Kind sie sind! Menschenverachtung jeglicher Couleur ist nichtig. Weil sie Gott selbst gegen sich hat. Wir wissen von Jesus, dass das nicht geht. Bringen wir die ganz andere geistliche Alternative neu zur Sprache!

Ach ja, fast hätte ich vergessen. Manchmal höre ich: „Wer was gegen rechts sagt, muss auch was gegen links sagen“ Ja, richtig, aber nicht heute, bitte nicht ablenken, das habe ich nach den Ereignissen um den G8-Gipfel in Hamburg klar und deutlich getan!

Ausnahmsweise darf ich mal am Ende einer Predigt ein Buch empfehlen:
Andreas Malessa „Als Christ die AfD unterstützen? – ein Plädoyer für…“
Brendow; Moers 2017, 108 Seiten; 9,00€