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Erntedank 27. September 2020
Pfr. Jörg Coburger über Markus 4, 26-29


ALLES MUSS RAUS!


Liebe Gemeinde, wir hören einfache Worte. Niemand könnte sagen, sie sind zu schwer oder gar nicht verständlich. Flach sind sie aber nicht, sondern sie haben eine große Tiefe. Tiefe entsteht vor allem dadurch, dass es ein Bild aus der Landwirtschaft ist, aber in Wirklichkeit geht es nicht um Ökologie oder Agrarpolitik, sondern: Reich Gottes heißt der Zielpunkt. „Mit dem Reich Gottes ist es wie mit…“

Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat? Klar doch, das wussten wir schon immer … „und träuft wenn wir heimgehen Wuchs und Gedeihen drauf…“ EG 508, 1.

Also, wo ist der Zielpunkt, worauf läuft mit Hilfe des Bildwortes, der Metapher, diese alltägliche Peosie hinaus. Was uns als bildlicher Vergleich mitgegeben wird?

Zunächst: Reich Gottes bedeutet wörtlich „Gottes Königsherrschaft.“ Er ist König und Herr; niemand anders. Es geht im Reich Gottes nach seinen Regeln, nach seinen Zielen Gottes Herrschaft hat mit Jesu Kommen begonnen, so hatte das gesamte Markusevangelium begonnen. Deshalb kehrt um und glaubt der frohen Botschaft. 1,15

Herrlich nimmt uns 1. das Gleichnis mit in eine Polarität hinein. Die selbst wachsende Saat. Aktiv und Passiv. Ora et labora. Bete und Arbeite. Passiv: Wir müssen warten können, geduldig sein. Wir können die Saat nur wachsen lassen. Wehe, wir zögen und zerrten. Aktiv: Es muss gesät werden. Wir sind Gottes Treuhänder. Das Wachstum ist nicht unsere, sondern Gottes Sache. Der Acker ist die Welt und das Evangelium muss hinaus – durch die Gemeinde, die dazu berufen ist. Aber: Alles muss raus!

Oder  2. eine Spannung, nämlich die von groß und klein: Immer der kleine unscheinbare Anfang und am Ende die große herrliche Sache, der kleine Keim und dann die Frucht: Dein Reich komme! Dein Reich wachse und nehme zu.

Das Reich Gottes wächst als eine selbst wachsende Saat. Das Wort hier im griechischen kennt ihr alle: „automate“. Von selbst! Automatisch. Du kannst nichts machen. Du kannst arbeiten und mitmachen, aber wachsen machen kannst du es in Wirklichkeit nicht. Dass es dann auch tatsächlich wächst, liegt nicht an dir. Die Königsherrschaft Gottes verbreitet sich anders als nach wirtschaftlichen Prognosen und die berühmten Auf- und Ab- Zick-Zack-Linien an der Börse. Eines ist jedoch sicher: Sie wächst. Sie wächst zwischen den beiden Adventen. Sie wächst und reift ihrer Frucht entgegen, bis der letzte große unendliche Advent anbricht und Gott zur Ernte kommt.

Wir haben gutes Saatgut. Die Qualität ist geradezu göttlich. Es ist zu unserer Mahnung und zu unserer Gelassenheit nicht unser Saatgut. Dazu gehört Entlastung und Demut. Wir betreiben nicht unser, sondern sein Werk. Jetzt ist die Zeit der Saat, die Zeit der Kirche. Sie ist endlich, dauert nicht für immer. Sie wird vergehen, aber Gottes Reich bleibt ewig und wächst. Die Kirche ist für die Zeit. Das Himmelreich wird die Zeit überdauern.

Der Sämann muss an seinem „Produkt“, sprich: an sein Saatgut glauben, ihm vertrauen. Wer das nicht mehr glaubt, der sät ja auch nicht mehr, stimmt´s. Das können wir sehen. Der Christ muss glauben, dass zwar durch uns mangelhaft gesät werden mag, aber das Saatgut selbst nicht mangelhaft ist. Wir wollen uns als Kirche für die Zukunft aufstellen. Und dabei mehren wir auch kräftig am Saatgut herum. Aus den Sämännern sind manchmal Beckmesser geworden. Sie wollen besseres Saatgut, aber das kann ihnen Gott nicht geben. Nicht mit dem Saatgut ist etwas falsch, sondern mit dem Sämann.

Zum Beginn meines Nachdenkens dachte ich mir, was für ein unprofessioneller, fahrlässiger Bauer! 75% seines Saatgutes daneben zu werfen und es verderben lassen. Dann wurde ich allmählich stiller und nachdenklicher:  Können wir uns nicht viel mehr freuen, wenn von aller unserer Arbeit für Gottes Reich, wo oft gar nichts rauskommt, niemand überhaupt etwas weiterwachsen lassen will, 25% Erfolg bestehen bleiben. Wenn z.B. von zwölf Konfirmanden drei wirklich mit Herzen, Mund und Händen dabei bleiben?

Dazu kommen Stimmen, von innen und außen, die sagen: Bei euch wächst sowieso nichts mehr weiter. Nein, hört nicht auf, aber eure Ackerfläche wird jetzt fünf- oder sechsmal so groß. Und wohin mit dem Zorn und aller Traurigkeit, wenn über kleine Pflänzchen, die gerade wachsen und noch Schutz brauchen, drübergemäht und drüber getrampelt wird? Es ist also beschlossene Sache der Kirchenleitung, dass bis 2024 elf Gemeinde, also alles, wofür derzeit Jens Meier, Uwe Büttner, Johannes Roscher und Jörg Coburger Verantwortung tragen, zu einem Kirchspiel werden muss.

Wie kann uns in solch schwerer Stunde dieses Wort ein Trost und eine Hilfe werden?

Denen will diese geradezu meditative Gleichnisgeschichte neue Zuversicht und Vertrauen geben. Die beiden Polaritäten sind bei uns Ackerleuten weiter aktuell. Das nachhelfen wollen, das ziehen und zerren und der andere Pol ist die ungläubige Skepsis, der Zweifel und das fehlende Vertrauen in das Saatgut. Automate – von selbst. Das ist uns Menschen, auch in der Kirche, nicht nur Entlastung, sondern auch eine Zumutung. Wir wollen doch gern stolz sagen können: Das haben wir gemacht, wir haben das geleistet.

Aber das Tröstliche an diesen Worten werden wir brauchen. Wir gehen harten Zeiten entgegen. Und uns Christen wird nur ihr Glauben in diese Kraft retten, die „automatisch“ gar nicht bei uns liegt. Nichts anderes wird sie erhalten und wachsen lassen.

Liebe Gemeinde, dass der Bauer seine Arbeit zu machen hat, steht außer Frage. Das Gleichnis vom geduldigen Bauern. Also fleißig und aktiv sein und sich zu engagieren. Das ist die aktive Seite. Wir müssen eher so akzentuieren, dass wieder Vertrauen entsteht, denn unsere Kirche ist nervös und hysterisch geworden. Die mit der Saat Beauftragten nehmen eine wunderbare Erfahrung in die schweren Zeiten mit, wo wir nach dem Acker schauen und kein sichtbares,  abrechenbares Wachstum erkennen. Das Warten. Die Stille. Es ist die Zeit danach… Jetzt kannst du nichts mehr machen. Die göttliche Faulheit. Der Shabbat. Nicht mehr arbeiten und auch nicht mehr arbeiten lassen. Die ganze Schöpfung soll atmen. Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Aus dieser Stille erwächst alles Große, nicht aus Gebrüll. Glauben, Freude, Liebe, Gehorsam, Nachfolge, Widerspruch, Protest, Kritik. Die Stille vor Gott ist das Geheimnis des Gebets, die Kraft des Glaubens, die Orientierung in der Verwirrung, das Leuchten seines Wortes, alles kommt aus dem Stillewerden vor Gott. Nur eine stille lauschende Kirche kann auch ein tätige werden. Schließlich macht Stillesein hungrig nach Aktion.

Eben das hat das Gottesvolk in verschiedenen Zeiten bis heute gern vergessen. Bei Bonhoeffer lese ich: „Neulich hatten wir Synode. In zwei Tagen mussten dutzende Beschlüsse erledigt sein. Irgendetwas stimmt nicht“

Wer sind wir für „Typen“? Felsenmenschen, Distelmenschen, Wurzelmenschen? Ist es nicht eher so, dass wir nicht schlicht und einfach nur immer gleichbleibend ein „Typ“ sind, sondern dass wir selbst in uns ganz offene Zeiten haben, wo wir hungrig sind nach Gottes Wort und wie mit seismographischen Antennen hellwach für alle Signale, dann aber wieder verrammelt, bockig, stolz, besserwisserisch, frustriert, verbaut, Herzen aus Beton… etc.? Unsere Bitte kann nur sein: „Mache mich zu gutem Lande, wenn dein Sam´ korn auf mich fällt“

Und doch! Ist das Wachsen des Reiches Gottes kein Automatismus! Wie kommt es, wie landet es bei mir, mitten unter uns, wie Lukas 17 es sagt?

Folgende kleine Episode kann uns da helfen: „Ein junger Mann betritt im Traum einen Laden. Hinter der Theke steht ein Engel. Was verkaufen sie hier, fragt er. Alles, was ihnen wichtig ist, war die Antwort. Hastig zählt er auf: Da will ich keine Kriege mehr, und die Vergiftung der Erde muss aufhören, die Elendsviertel in den armen Ländern müssen abgeschafft werden und hier bei uns die Obdachlosigkeit, und in der Kirche mehr Gemeinschaft und Liebe und, und… Halt, junger Mann, wird er unterbrochen; sie haben mich falsch verstanden, wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen.“