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  • 12. Mai 2019, Jubilate
    Pfr. Jörg Coburger über Johannes 10,11-30

Misericordias Domini – „Von der Barmherzigkeit Gottes will ich singen“ Diesem Gedanken ist ein ganzer Sonntag in der österlichen Zeit gewidmet. Heute. Und es passt ganz ungezwungen zur Jubelkonfirmation. Denn zum Hirten gehört die Herde. Ohne sie will er nicht sein. Und um den einen Hirten, dem Maßstab für alle anderen Hirten geht es, Jesus Christus. Der gute Hirte. Unverwechselbar, nicht austauschbar, unersetzbar.

Wie geht es uns mit diesem Bild? Manchem mag es zu naiv sein, zu wenig intellektuell, zu einfach, zu abgegriffen; andere, was ich aus Erwachsenentaufen weiß, trifft genau das Bild vom Hirten mitten ins Herz. Als ein Freund von Antik- und Trödelläden sind mir die dort angebotenen romantischen Bilder von einen oft sehr femininen und manchmal arg deutschem Jesus, umgeben von Schafen, eines um die Schulter liegend, vertraut, zudem finde ich sie mitunter noch bei Besuchen älterer Gemeindeglieder als Bild an der Wand. Hier gilt es andere Glaubenserfahrungen aus anderen Zeiten zu achten und jeden Hochmut zu unterlassen, als ob wir heute per se einen tieferen Glauben hätten. Jede Zeit hat ihre ganz eigene Prägung und Befangenheit. Zur historischen Fairnis kommt nun unsere Aufgabe und Chance, sich nicht im Historischen zu verlieren und dafür offen zu bleiben, was und das Bild von Hirt und Herde jetzt zu sagen hat.

Woran erkennen wir, dass er der eine gute Hirte ist? Er, der als Wanderprediger heilend durch Palästina zog und schließlich in Jerusalem am Kreuz hingerichtet worden ist? Was macht ihn aus?

Im Lukasevangelium ( 15 ) erzählt Jesus ein Gleichnis von einem Hirten, der seine Herde zurücklässt und dafür aber einem einzigen Schaf nachzugehen, das sich verirrt hat. Dem geht er nach, bis er dieses eine gefunden hat und es sich mit Freude auf den Schultern trägt. Hören wir diese doch seltsame Geschichte bitte nicht als ein allzu Geläufiges. Sie bleibt unerhört in ihrer Entscheidung, die Herde zu verlassen. Wir verwöhnten Christen können uns nämlich auch den Blick für die Frohe Botschaft durch Routine verstellen. Doch passen wir gut auf!

Eine Entscheidung immer hin gegen die Masse; was alle machen, was die Herde macht, was alle sagen, alle blöken, alle wollen, ist dem Hirten zweitrangig. Das eine, nur dieses eine Lebewesen ist in Gefahr!

Und was hat das alles mit dem himmlischen Vater zu tun? Denn so soll doch Gottes Wesen sein. Dafür diese Beispielgeschichte.  So wie der, der uns im Bild vom Hirten vorgestellt wird, ganz genau so ist Gott. Wie dieser Jesus tut, das tut er voll in Übereinstimmung mit unserem Vater im Himmel. An Jesus lesen wir ab, wird uns ganz nah, wie der ferne Gott über uns denkt und was sein Wille für uns ist. Wollen wir über unseren himmlischen Vater etwas wissen, so gebietet er uns geradezu, uns diesen Hirten vor Augen zu halten. Schafe, vor allem dumme Schafe, die natürlich immer die anderen sind stehen in keinem guten Ruf. Aber der Landwirt, dem die Schafe gehören, ihn also, der hier auf Erden den Verlorenen und Missratenen, den schwarzen Schafen nachgeht, denen, die aus der Rolle fallen nicht aufgibt, ihnen nach, bis er sie findet und sich ihrer annimmt. Er ist der gute Hirte.

Da gibt es auch ein starke Abgrenzung und Unterscheidung, die wir nicht überlesen dürfen. Von den Mietlingen ist die Rede. Woran erkennen wir nun wiederum diese? Eine echte Frage. Denn man hält sie zumeist gar nicht für miese Gestalten, denen man ihr halbseidenes Geschäft von ferne schon anmerkt. Was sie attraktiv macht, scheint nicht so schlecht. Sie treten mit schönem Gesicht auf. Die Medien lenken unsere Aufmerksamkeit auf sie und wir jubeln ihnen zu. Man läuft ihnen nach, in der Tat, wie blöde Schafe. Täuschen wir uns nicht. Die falschen Hirten lenken uns leicht ab von dem, was uns ernstlich bedroht. Es ist die stringent durchgehaltene Bild vom Wolf, der andere auffressen will. Dann kommen noch die Tierschützer und wollen die alte Geschichte modernistisch umgedeutet am liebsten verbieten. Nur ruhig, es ist ein Gleichnis. Und wir leben in einer durch Zivilisation verwöhnten Zeit.

Das mit dem bedrohenden Wolf finden manche wie im Märchen und lachen über das Gleichnis und nehmen es als Beweis, das der ganze Glaube nur für einfältige Gemüter sein. Nur ahnen wir doch heute von so vielen sehr konkreten Gefahren, die die Menschheit drohen aufzufressen. Wo wir einander zu Wölfen werden? In der Gefahr ist auf solche Hirten kein Verlass. Sie verschwinden dann und lassen die Herde im Stich. Sie suchen das Weite und wollen ihre eigene Haut retten. Die falschen Hirten, die Mietlinge, denken an sich selbst zuerst. Wir sind welche, die irgendwem hinterher  laufen. Der gute Hirte rettet uns vor dem Verderben, indem er solchen Betrug aufdeckt und ausdrücklich vor den sog.  Mietlingen warnt.

Und das ist tatsächlich ein einschneidender Widerspruch. Nichts rosarot Getünchtes ist mehr an diesen Worten. Hier ist kein Wellness- Theologie. Er nimmt uns ganz ernst. Ein Mietling wollte uns nur benutzen. Der gute Hirte redet nicht einfach davon, was uns lieb teuer ist. Er redet vielmehr davon, dass wir ihm lieb und wert und teuer sind. Er redet nicht von unserem Eigentum. Er redet von seinem Eigentum. Er hat das Recht, uns an seine Hand zu nehmen. Er übt dieses Recht an uns aus und ER erhebt Widerspruch, wenn wir anderen Herren gehören sollten. Deshalb geht es in unserem Leben entscheidend nicht darum, was uns alles gehört. Er ist entscheidend, wem wir gehören. Wir sind in seiner Hand, im Leben und im Sterben und niemand kann uns aus seiner Hand reißen. Wir gehören dem Auferstandenen. Noch einmal, wer nicht sehen will, was da an uns herumzerrt, auch am Tage der Jubelkonfirmation diese Ziehen und Wegzerren von Jesus nicht wahrhaben wollte, müsste blind sein, also in Gefahr. Die Gefahr wird im Bild vom Wolf zutreffend benannt.

Wer ist der, der so nach uns greift? Ein raffgieriger Herrscher, der immer nur von seinem Volk „Gürtel enger schnallen“ will. Einer, der auf unsere Kosten lebt. Ein Diktator, ein Kapitalist? Ein moderner Raubritter? Hören wir nur gut: Im Gegenteil. Denn er sagt zu seiner Beglaubigung: Ich bin der wahre Aufpasser (episkopus) meint nicht den, mit der Peitsche, sondern den, von oben draufschaut, die Übersicht hat. ( der Bischof ) dass ich mich für sie opfere und aufreibe. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Dieses Nicht- Opfer-fordern, sondern sich selbst dahingeben, sein Sterben und sein Tod, sind der Ausweis, wer er ist. Jesus gibt nicht etwas, sondern sich! Er hat Recht und Fähigkeit, als der wahre Hirte für Andere da zu sein. Ist das nicht die totale Entgiftung vieler Leitfiguren und leuchtender Gestalten, die uns oft so blenden können und vor allem verblüffen und sich aufspielen, ja, auch oft auch demütig und bescheiden aufspielen.

Aber wir verstehen das nicht, wenn wir nicht sofort die Fortsetzung des Satzes hören: Der gute Hirte lässt sein leben für die Schafe.  Dazu ist das bittere Leiden und Sterben: Für uns! Für mich! Für dich! Das ist das Hauptmotiv. Jesus sagt im selben Zusammenhang das Geheimnisvolle: „Ich habe noch andere Schafe, die sich nicht aus meinem Stall, und die muss ich hinführen, und sie werden meine Stimme hören und wir ein Hirt und eine Herde sein.“ ( V.16 ) Wie tröstlich das ist, wie heilend Jesus hier spricht. Auch alle die Vergessenen, die Verstoßenen, die nicht ins Bild passen, die Weggegangenen, die Übersehenen… Er der gute Hirte übersieht sie nicht. Für sie ist er auch da, nicht weniger als für uns. Nur, wo stehe ich denn eigentlich?

Er nimmt uns als ein Eigentum an. Keinen anderen Mächten sollen wir gehören. Er opfert sich selbst auf für sein Eigentum. Und wenn Gefahren auf uns zukommen – und wir stehen gerade mittendrin! – er sucht nicht seine eigene Haut zu retten, er flieht nicht, steigt nicht, wie wir fordern, vom Kreuz herab, er gibt die Seinen nicht auf.

Und warum setzt er sich derart für die Seinen ein? Was ist denn an uns so Hervorragendes, dass er sich für die Seinen so extrem einsetzt? Die Frage, ob wir ihn als den guten Hirten anerkennen, dreht sich auf einmal um und wir sind gefragt: was findet er an uns, dass er uns in seiner Nähe haben will? Nicht unsere Stärke, nicht unser Haben, nicht unsere Güte reizt ihn, uns zu besitzen, sondern umgedreht; unsere Not, unsere Angst, unsere Armut, unser Mangel, unser Unvermögen – unsere Sünde. Nur so ist uns Menschenkindern zu helfen. Das eine Hand über dem Abgrund bleibt, dass Türen offen stehen, dass Brücken gebaut werden, dass einer keine dumme Schafe will, sondern das Schwache stärken wird.

Was bleibt uns, als dem guten Hirten zu danken und ihm zu folgen, wohin er uns auch führen mag. Ihm zu folgen, auf seine Stimme zu hören, also gehör- sam zu sein, nimmt uns nicht die Würde und Stolz, worum wir immer so besorgt sind. Wer dem gehört, macht sich nicht mehr krumm. Wer dem gehört, ist nicht mehr zuerst um sich selbst besorgt. Das befreit. Das lässt aufatmen. So folgen wir ihm in unserem alltäglichen Leben, im Umgang mit Gut und Geld, mit Mangel und Sorge, in Erfolg und Durstrecken. „Es geht ohne ihn in die Dunkelheit, aber mit ihm gehen wir ins Licht, sind wir ohne ihn, macht die Angst sich breit, aber mit ihm fürchten wir uns nicht…“

Die Antwort war bereits nach dem Brudermord Kains an seinem Bruder Abel beinhaltet: Wo ist dein Bruder Abel? Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein? Wir kennen die Antwort, die dann immer wieder in der Bibel gegeben wird sehr genau. Der Barmherzigkeit unseres Herrn entspricht es vollkommen, eine Gemeinschaft der Heilenden zu sein.