Bild "Willkommen:wb_altar_300px.jpg"3. Sonntag vor der Passionszeit Septuagesimae 17.2.19
Pfr. J. Coburgrer über Prediger Salomo (Kohelet)7, 15-18


7, 15 Dies alles habe ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit und da ist ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit. 16 Sie nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor der Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt. 19 Die Weisheit mach den Weisen stärker als zehn Gewaltige, die in der Stadt sind. 20 Denn es ist kein Mensch auf der Erde, dass er nur Gutes tue und nicht auch sündige.

Das gute Maß

Schön, dass wir nun auch im Gottesdienst mehr als nur zwei Predigtexte in sechs Jahren von dem haben, der Kohelet genannt wird, der Prediger; Salomo; nicht zu verwechseln mit den Sprüchen Salomos. Aber allemal gehört es zur Weisheitsliteratur des jüdischen Volkes. Kohelets resignativer Ton, seine Gedanken, die bis an die Bitterkeit reichen, die Vergeblichkeit allen Lebens angesichts des Todes, das Loslassenmüssen, die Lähmung, sogar die Agonie angesichts allen Verfalls:
„Alles ist ganz eitel ( vergänglich ) …
wie nichtig ist menschliches Streben…es ist Haschen nach Wind
es ist nichts Neues unter der Sonne…
denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist in eitlen Tagen, die er verbringt wie ein Schatten…
Es ist besser in ein Haus zu gehen, wo man trauert, als dort, wo man feiert, denn da zeigt sich das Ende aller Menschen und der Lebende nehme es sich zu Herzen…


Es ist die Zeit der Ptolemäer. Sie haben in der Landwirtschaft mit Bewässerungssystem und anderen Großprojekten viel vor, das braucht viele Sklaven. „Ich sah die Gewalt, die anderen angetan wird und lobte, die nie geboren waren und schon herniederfuhren zu den Toten“ Solche Töne hören wir auch bei Hiob oder Jeremia.

Das Mahnende des Todes für uns Lebende ist gemeint. Auch die Warnung für alle, die heute in unserer oft fröhlichen, oft taumelnden Spaßgesellschaft, voller Genusssucht und Kaufrausch, den Tod zu letzten verstörenden Tabu gemacht hat. Kohelets Gedanken sind auch etwas philosophisch; allemal reden sie von einem Maß aller Dinge, wie eine Waage, die ausgewogen pendeln soll und nicht allein nach einer Seite hin ausschlagen, damit das Leben nicht kippt. Eine Predigt, die dem Mittelmaß das Wort redet? „Nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest... Nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor der Zeit.“

Ich verstehe es so: Wir erleben weltweit, wenn alles zum Fanatismus werden kann. Und wenn nicht Fanatismus, so sehen wir doch an vielen Stellen eine gewisse Maßlosigkeit. Extrem sich zu Wort melden, und sei mit Waffengewalt und Sprengstoff ist nun mitnichten alleintypisch muslimisch. Oder: Nichts gegen Gesundheit, gar nichts ist gegen Fitnis einzuwenden, aber wenn dann noch zum Muskelaufbau Anabolika geschluckt werden, weil aus allen ein Wettbewerb wird, entstehen Fragen nach dem Maß bzw. der Maßlosigkeit. Und Maßlosigkeit, nicht nur in der Ausbeutung der Natur, zerstört immer Mensch und Umwelt. Wenn wir etwas wie besessen erreichen wollen, koste es, was es wolle; Rechthaben, Geld verdienen, an Gott glauben, oder Atheismus, auch die Gerechtigkeit, die Schönheit und Verehrung des Körpers, die eigene Freiheit, die Liebe, die Arbeit, das Glück, den Erfolg.

Diese „Nicht allzu“ warnt vor Extremismus. Nicht allzu gottlos – meint das etwas ein Schuss Atheismus, eine Prise Gottlosigkeit ist gut?

Es hat immer und wird immer Menschen geben, die es offenbar ohne Gott lange, vielleicht sogar immer aushalten. Aber auch hier kann es ein Übermaß geben. Zu weit weg von Gott. Zu wenig von dem, was Gott will und bewegen kann. Wo Gott fehlt, tritt am Ende der Mensch selbst an seine Stelle. Macht sich selbst zum Maß aller Dinge und er nennt das dann „Menschlichkeit“ die oft genug zur Hölle wurde. Die Diktaturen des 20. Jahrhundert belegen das auf schlimme Weise.

Ja, in der Tat, redet Kohelet von einem guten Mittelmaß mit Augenmaß. Wer daraus letztlich das böse Wort „mittelmäßig“ gemacht hat, müssen wir nicht entscheiden. Was ist wirklich weise? Ich möchte es einmal mit einem Wort sagen, dass der Sachse und ehemalige Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz „Nachhaltigkeit“ genannt hat. In seinem berühmten Buch „sylvicultura oeconomica“ von 1713 hat er diesen Krisenbegriff erfunden. Denn durch den Bergbau war das erste Mal der Alarm erklungen, weil man den Wald in Gefahr wusste, denn der Hunger nach Holz war unersättlich geworden. Einfach in einem Satz: Wir dürfen der Natur nur so viel entnehmen, wie nachwachsen kann. So einfach ist das und so klug. „Hüte dich vor allem, von dem du nicht genug kriegen kannst“ Weshalb? Weil es zerstört!

Dem Prediger geht es aber nicht allein um ein ökologische Thema, sondern dass wir Maß nehmen und an der Weisheit Gottes. „Chokma“ heißt das schöne Wort. An anderer Stelle singt uns die Bibel von Frau Weisheit, die uns ein Haus baut, darin man gut wohnen kann. Wunderbar gedacht. Denn nur im Vertrauen auf Gottes Wirken und seine Möglichkeiten müssen wir nicht krampfhaft alles alleine schaffen. Heiter und gelassen sollen wir leben, in einem Leben in Hülle und Fülle. Wir aber unterstellen der Maßhaltung nur Langeweile und Profillosigkeit. So müssen immerzu neue Rekorde und Steigerungen her und diese Steigerungswut macht aus jeglichem Segen einen Fluch. Weil Zwang entsteht und alle Gelassenheit dahin ist. Eine heilsame Ernüchterung und ein Aufwachen kann für uns heute von Kohelet ausgehen.

„Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen sei´st
und das nur der im Schoß ihm sitze,
der sich mit stetem Glücke speist,
die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.

Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich:
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn, bald stürzen kann.“ EG 369, 5.6


Kohelet hat es uns mit seinen ganz persönlichen, sehr philosophischen Gedanken eindrücklich gesagt. Nirgends, vielleicht ist aufgefallen, heißt es: So spricht der HERR…“
Es gehört zu seiner Redlichkeit, dass er diesen Unterschied klar macht und den Namen des Herrn nicht missbraucht. Ähnlich wie in den Psalmen werden diese Gedanken und Gebete nicht als Offenbarung verkauft, aber die Gemeinde hat sich immer wieder darin wiedergefunden und wie in einem Spiegel erkannt.

Schon in der Schöpfung ist von Anfang an ein göttlicher Rhythmus von Ruhe und Arbeit enthalten, ora et labora - beten und arbeiten, loben und klagen, streiten und versöhnen, denn alles hat seine Zeit. „Und siehe, es war sehr gut“ Wir sind erfolgreich und gehetzt. Postmoderne Menschen sind oft dumme Wesen. Wer hat je von uns gefordert, dass wir, wie wir sagen: „Alles schaffen müssen“ und dass man alles im Leben mal mitgenommen haben muss? Nachhaltigkeit ist nicht allein ein technischer Begriff, sondern es bedeutet im Strom des Lebens geboren zu sein, zwischen denen die kommen und denen, die gehen. Ich muss nicht alles schaffen. So verstehe ich die ständige Anwesenheit seines Thema von Sterben und Tod. Unsere Großeltern wussten noch viele Dinge, die wir im Augenblick der Spaßgesellschaft lieber tabuisiert haben wollen: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ Heiter und gelassen ist, wer das weiß. „Gib lieber mit warmen Händen“ sagten die Alten auch. Nicht aller Volksmund ist falsch. Solches Wissen führt mich nicht in die Bitterkeit, sondern in Heiterkeit und Gelassenheit.

Ein Gerechter ist einer, der sein Leben Gott anvertraut. Das kluge und feinnervige Lied von Georg Neumark nimmt wörtlich auf, was Kohelet ( übrigens auch ) singt:
„Den ( Gerechten, Anm. Verf. ) wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit…“ Ich denke, so etwas Modernes, Aufklärerisches und Verstörendes ist wieder mal dran! Vielleicht ist es auch gerade aufgenommen worden. Manchmal braucht´s in unseren Tagen eine kalte Dusche, wo die Welt zu einem lustvollen Hochglanz- Katalog und falschem Versprechen geworden ist, indem jeder drin herumblättern kann, um sich etwas herauszusuchen, vor dem er sich aber bald schon angeekelt wieder abwendet. Wer kann schon immer Wellness- Theologie ertragen?
Diese Schwarzbrot-Verkündigung Kohelets erdet uns wieder.

Um das Gelassene und Vertrauensvolle, diese Kraft seiner Heiterkeit mit Paulus zu sagen: Von den Haushaltern ( wörtlich: Ökonomen ) der Sache Gottes wird nicht mehr erwartet, als dass sie für treu befunden werden! 1. Kor.4, 1-5
Alles ist ein Geschenk, jeder einzelne Tag, mit Mühen und Sorgen. Diese Heiterkeit bestimmt das ganze Buch. Und eben keine Verharmlosung. Sätze wie „Wir sind alle nur ein Rädchen im Getriebe“ fallen bei Kohelet niemals. Aber dafür bestimmt eine Wortgruppe intensiv das ganz Buch: Geschenk und das dazugehörige Verb: Schenken.
Finden wir also jeden Tag neu das gute Maß und verrichten das unsere nur getreu. Das ist viel mehr, als wir oft denken und von anderen eingeredet bekommen.